Führungswissen

Die neue Strategie steht – jetzt beginnt der gefährliche Teil

Die neue Strategie steht – jetzt beginnt der gefährliche Teil

Es gibt einen Moment, in dem eine neue Unternehmensstrategie am besten aussieht: am Tag ihrer Fertigstellung. Die Analyse ist schlüssig, die Richtung klar, die Folien sind gut. Ab jetzt kann es nur noch schwieriger werden – denn Strategien scheitern selten am Denken. Sie scheitern am Weg von der Folie in den Alltag von ein paar hundert Menschen.

Ich habe als Geschäftsführer mehrere Strategieprozesse verantwortet und dabei die immer gleichen Fallstricke erlebt – erst bei anderen, manche auch bei mir selbst. Die wichtigsten sieben, und was gegen sie hilft.

Fallstrick 1: Die Verkündungs-Illusion

Der häufigste Irrtum: Die Strategie sei kommuniziert, weil sie verkündet wurde – Betriebsversammlung, Rundmail, Intranet-Beitrag, erledigt. Tatsächlich beginnt Kommunikation dort erst. Menschen brauchen fünf, sieben, zehn Kontakte mit einer Botschaft, bevor sie sie ernst nehmen – und sie glauben erst, was sie im Alltag wiederfinden.

Gegenmittel: Kommunikation als Dauerbetrieb planen, nicht als Ereignis. Jede Führungsbesprechung, jeder Monatsbrief, jede Investitionsentscheidung erzählt die Strategie weiter – oder widerlegt sie. Und: Wiederholung nicht scheuen. Wenn die Spitze beginnt, sich beim Wiederholen zu langweilen, fängt die Organisation gerade erst an zuzuhören.

Fallstrick 2: Die Übersetzung fehlt

„Wir werden der profitabelste Anbieter unserer Region" ist eine Richtung – aber der Kommissionierer in der Spätschicht, die Vertriebsleiterin und der IT-Leiter hören denselben Satz und wissen alle drei nicht, was sie morgen anders machen sollen. Unübersetzte Strategie bleibt ein Poster.

Gegenmittel: Für jede Ebene und jeden Bereich die eine Frage beantworten: Was heißt das konkret für dich? Was tun wir künftig, was lassen wir, was entscheiden wir anders? Diese Übersetzungsarbeit können nicht Sie allein leisten – sie ist die Kernaufgabe Ihrer Führungskräfte. Was uns zum wichtigsten Fallstrick bringt.

Fallstrick 3: Das mittlere Management wird zum Flaschenhals – unverschuldet

Wenn Strategien versanden, zeigt der Finger schnell auf die „Lehmschicht" im mittleren Management. Meine Erfahrung: Das ist fast immer ungerecht. Abteilungs- und Teamleiter blockieren selten aus Widerwillen – sie wurden schlicht nicht ausgestattet. Sie erfahren die Strategie oft zeitgleich mit ihren Teams und sollen dann Fragen beantworten, auf die sie selbst keine Antwort haben: Fällt mein Bereich weg? Was wird aus der Zusage vom letzten Jahr? Wer so ins Gespräch geschickt wird, weicht aus – und Ausweichen sieht von oben wie Blockade aus.

Gegenmittel: Die Führungskaskade ernst nehmen. Führungskräfte vor der Belegschaft informieren, mit Vorlauf, mit Hintergründen, mit erwartbaren Fragen und ehrlichen Antworten – auch der Antwort „Das ist noch offen, das entscheiden wir bis Ostern". Eine Führungskraft, die souverän sagen kann, was sie weiß und was nicht, trägt die Strategie. Eine überrumpelte verteidigt sich.

Fallstrick 4: Nur die Sonnenseite wird erzählt

Strategie heißt verzichten – sonst ist es keine. Wer nur verkündet, was alles besser wird, und verschweigt, was aufgegeben, umgebaut oder unbequem wird, erzeugt zwei Probleme: Die Belegschaft spürt die Lücke sofort (und füllt sie mit Gerüchten, die schlimmer sind als jede Wahrheit), und jede spätere Härte wirkt wie Vertragsbruch.

Gegenmittel: Den Preis mitkommunizieren. „Wir investieren in A – dafür beenden wir B. Für die Betroffenen heißt das konkret…" Das kostet Überwindung und zahlt auf das einzige Konto ein, von dem Strategieumsetzung lebt: Glaubwürdigkeit.

Fallstrick 5: Die Strategie läuft neben dem Tagesgeschäft

Der Klassiker der Umsetzung: Die Strategie bekommt Projektgruppen, aber keine Ressourcen. Alle sollen das Neue vorantreiben – zusätzlich zu allem Bisherigen. Nach drei Monaten hat das Tagesgeschäft gewonnen, denn das Tagesgeschäft hat Kunden, Termine und Eskalationen auf seiner Seite.

Gegenmittel: Die unbequemste Strategieentscheidung treffen: Was hört auf? Welche Projekte werden gestoppt, welche Berichte abgeschafft, welche Aufgaben delegiert oder gestrichen, damit Raum für das Neue entsteht? Eine Strategie ohne Streichliste ist eine Absichtserklärung. Und: wenige Initiativen statt vieler – drei konsequent umgesetzte Stoßrichtungen schlagen zwölf angefangene.

Fallstrick 6: Die Anreize zeigen in die alte Richtung

Oft wird die neue Strategie verkündet, aber Ziele, Boni und Beförderungskriterien bleiben die alten. Dann konkurriert ein Appell gegen ein Anreizsystem – und diesen Kampf verliert der Appell immer. Wer Neukundengeschäft als Zukunft ausruft, aber weiter nur Bestandsumsatz vergütet, hat sich entschieden, ohne es zu merken.

Gegenmittel: Innerhalb der ersten Monate Zielvereinbarungen, Kennzahlen und Beförderungslogik auf die Strategie ausrichten – sichtbar. Nichts kommuniziert eine Strategie glaubwürdiger als die erste Beförderung, die erkennbar nach den neuen Maßstäben erfolgt.

Fallstrick 7: Kein sichtbarer Fortschritt

Strategien sind Langstrecken, Motivation ist Kurzstrecke. Wenn zwischen Verkündung und erstem sichtbarem Erfolg ein Jahr liegt, stirbt der Glaube unterwegs – und mit ihm die Anstrengung.

Gegenmittel: Meilensteine setzen und frühe Erfolge einplanen: zwei, drei Vorhaben, die binnen 90 Tagen sichtbare Ergebnisse liefern, und diese Ergebnisse ausdrücklich der Strategie zuschreiben. Fortschritt, der gezeigt wird, erzeugt den Treibstoff für die längeren Etappen. Und wenn etwas nicht funktioniert: offen nachsteuern statt schönreden – eine Strategie, die lernen darf, wird ernster genommen als eine, die unfehlbar sein muss.

Das Fazit

Zwischen einer guten Strategie und einem veränderten Unternehmen liegen keine besseren Folien, sondern Führungsarbeit: unermüdliche Übersetzung, ausgestattete Führungskräfte, ehrlich benannte Preise, eine Streichliste, umgestellte Anreize und sichtbare Etappensiege. Nichts davon ist intellektuell schwierig. Aber alles davon ist anstrengend – und genau deshalb entscheidet es über Erfolg oder Scheitern.

Ein Gegenüber für die Umsetzung

Strategieumsetzung ist ein Marathon mit hundert Gelegenheiten zum Stolpern – und die wenigsten davon stehen in der Strategie selbst. Das Sparring von ACTIVE WORKS begleitet Geschäftsführer durch diese Phase: von der Kommunikationsdramaturgie über die Führungskaskade bis zur ehrlichen Zwischenbilanz, ergänzt um moderierte Führungsklausuren, in denen aus Ihrer Strategie die Beiträge der Bereiche werden (ab 75 EUR pro Person). Und wo es um die Gesundheit geht, gilt unverändert: Das gehört in ärztliche und therapeutische Hände – auch dabei helfen wir, die richtige Anlaufstelle zu finden.

Vertrauliches Erstgespräch vereinbaren – kostenlos, 30 Minuten

Hinter diesem Text steht eine ganze Geschichte.

Wenn Sie sie von mir persönlich hören möchten, hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse – ich melde mich unverbindlich.

Ihre Adresse wird ausschließlich zur Beantwortung dieser Anfrage verwendet. Hinweise in der Datenschutzerklärung.

← Zurück zu allen Beiträgen